Letzte Woche (Ende August 2026) wurde mein Ausscheiden als Geschäftsführer von Pina Earth im Firmenbuch eingetragen. Damit ist nun auch formal abgeschlossen, was im Juni schneller und abrupter als erwartet zu Ende gegangen ist.
So ein Firmenbucheintrag liest sich ziemlich leicht, aber für mich stehen dahinter fünf Jahre Arbeit an Tree.ly und später Pina Earth: Wald, Klimaschutz, Software, Standards, Investorengespräche, Förderanträge und viele Gespräche mit Menschen, für die der Klimawandel keine abstrakte Debatte ist. Ich möchte das nicht einfach abhaken, sondern nochmal aufschreiben, dokumentieren, was wir aufgebaut haben, was ich daraus mitnehme und womit ich mich heute beschäftige.
Mit meinem Ausscheiden endet für mich dieses Kapitel, einschließlich weiterer Kooperationen, die bereits aufgegleist waren. Mein Wunsch, mit Unternehmertum einen positiven Beitrag zu leisten, ist dagegen unverändert. Auch wenn in der heutigen Zeit manche andere Dinge im Vordergrund stehen
Nach CrateDB.com
Vor Tree.ly hatte ich viele Jahre sehr intensiv am Deep-Tech-Unternehmen CrateDB.com gearbeitet. Datenbanken, verteilte Systeme, Skalierung, Enterprise Sales, Venture Capital, Organisation und Führung interessieren mich bis heute. Nach meinem Ausstieg stellte sich aber die Frage: Wenn ich noch einmal so viel Energie in etwas stecke, wofür soll das sein?
Dem Anspruch, unsere Welt besser und nachhaltiger zu machen, bin ich treu geblieben. Ein prägender Moment war damals ein Vortrag von Marc Buckley. Er arbeitet eng mit den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen und hat für mich einen Raum geöffnet, in dem Technologie, Unternehmertum und systemische Veränderung zusammengehören.
Ich begann zu lesen und zu lernen: Klimawandel, Biodiversität, Kreislaufwirtschaft, Future Thinking, Future.io. Beim Climate Reality Leadership Training von Al Gore in Rom standen drei Fragen im Zentrum:
- Müssen wir uns ändern?
- Können wir uns ändern?
- Werden wir uns ändern?
Die ersten beiden Fragen waren für mich schnell beantwortet: Ja, wir müssen, und ja, wir können. Die dritte ist die schwierigste. Nach wie vor.
Meine Antwort darauf war und ist Unternehmertum. Sicher nicht als einzige Antwort, aber als ein Hebel, den ich kenne und beherrsche. So kann ich Technologie, Kapital, Menschen und Märkte verbinden. So entstand damals Tree.ly.
Tree.ly
Am Anfang war vieles unfertig. Wir hatten viel Überzeugung und wenig Sicherheit, haben gebootstrapped, Förderungen gesucht, mit dem Land Vorarlberg gesprochen und versucht, aus einem sehr großen Thema ein konkretes Produkt zu machen.
Mit einem frühen Team rund um Lukas Bals, Tobias Sutterlüty, damals noch Luis Schneider, Eva King, Elmar Hartmann, Alexander Vilsmeier, Stephanie Dünser und vielen weiteren Unterstützer:innen entstand der erste Prototyp. Eine Förderung im Rahmen von aws Green Preseed ermöglichte uns dann, gemeinsam mit acht Waldbesitzern einen funktionierenden Prototyp umzusetzen.
Ich denke gerne an diese Phase zurück, nicht weil sie einfach war, sondern weil wir sehr schnell sehr viel lernen mussten: Wie funktioniert Waldwirtschaft tatsächlich? Wie misst man Kohlenstoff im Wald glaubwürdig? Was bedeutet Zusätzlichkeit? Wie verhindert man Greenwashing? Was macht ein CO₂-Zertifikat integer, welche Rolle kann Software dabei spielen und wie baut man daraus ein Unternehmen?
Impact
Relativ schnell wurde klar: „Wir machen etwas Nachhaltiges“ reicht nicht. Wer mit Klimaschutz argumentiert, muss Wirkung ernst nehmen und nachvollziehbar machen. Sonst bleibt es Marketing.
Über das Pioneer Impact Programm von Charlie Kleissner bin ich tiefer in Impact Investing und Wirkungsmessung eingestiegen. Dort habe ich gelernt, sauber zwischen Input, Aktivitäten, Outputs, Outcomes und Impact zu unterscheiden. Das klingt akademischer, als es im Alltag war: Meetings, Waldbegehungen und verkaufte Zertifikate sind Aktivitäten oder Outputs. Impact entsteht erst, wenn Waldbesitzer:innen anders wirtschaften und dadurch tatsächlich zusätzlich Kohlenstoff langfristig im Wald gebunden wird.
Diese Unterscheidung war wichtig und bisweilen unbequem, denn der Carbon-Markt ist voller Grauzonen: Zusätzlichkeit, Permanenz, Baselines, Leakage, Verifizierung, Käuferkommunikation und Greenwashing. Auf Folien sieht das alles schnell sauber aus. Im Wald und in der täglichen Arbeit ist es deutlich komplizierter.
Deshalb haben wir ein eigenes Ethik-Board etabliert, und zwar nicht als Feigenblatt. Wir wollten Widerspruch und eine externe Perspektive. Wir brauchten Menschen, die uns bremsen, wenn der Marktmodus beginnt, die Wirkung zu überholen.
Kapital und Verantwortung
Mit der ersten Finanzierungsrunde begann eine neue Phase. Wir konnten Business Angels und Partner gewinnen, unter anderem aus dem Umfeld von Johannes Moser, zahlreichen namhaften (Vorarberger) Unternehmer, außerdem Dr. Georg Erlacher, Hubert Hasenauer, Dr. Hubertus Schmidke, Portfolion mit Aurél Pásztor sowie das Risikokapital Team des Austria Wirtschaftsservice (aws).
Kapital ermöglichte uns mehr Geschwindigkeit, brachte aber auch mehr Verantwortung und Druck. Aus einer Idee musste eine Organisation werden. Für Tree.ly bedeutete das mehr Methodik, Software, Projektentwicklung, Vertrieb und Governance.
Ein Schwerpunkt war die Entwicklung hochwertiger Wald-Klimaschutzmethodiken. Inspiration kam unter anderem aus der Schweiz und aus der Zusammenarbeit mit Dr. Hubertus Schmidke, dem Autor des Silvaconsult Forest Carbon Standards. Gemeinsam haben wir Standards weiterentwickelt und an neue Anforderungen angepasst.
Wichtig waren auch die Gespräche und die Zusammenarbeit mit Georg Erlacher, Hubert Hasenauer, der International Carbon Registry in Island, Ólafur Torfason und Guðmundur Sigurðsson. Das war fachlich anspruchsvoll und gerade deshalb spannend.
Unser Ziel war nicht, eine schöne Website für Klimazertifikate zu bauen. Das System musste im Wald, in der Wissenschaft, bei Waldbesitzer:innen und Käufer:innen sowie in der Verifizierung Bestand haben.
Wald und Markt
Parallel zur Methodik und Software mussten wir die Käuferseite aufbauen. Frühe Partner wie Turn to Zero und myclimate waren wichtig, weil sie verstanden haben, dass regionale und glaubwürdige Klimaschutzprojekte nicht trivial sind.
Wir konnten zahlreiche Waldbesitzer:innen in Österreich gewinnen und stellten unsere Software auch dem Verein Wald-Klimaschutz Schweiz zur Verfügung, um Projekte in der Schweiz zu unterstützen. Bis Mitte 2025 funktionierte das Zusammenspiel aus Methodik, Technologie, Waldbesitzer:innen, Käufer:innen, Standards, Verifizierung und Wirkungsmessung. Es war nicht perfekt, aber es war real.
Pina Earth
Anfang 2025 wurde deutlicher, dass Tree.ly und Pina Earth komplementäre Stärken hatten. Sehr vereinfacht gesagt: Tree.ly war stark in Projektentwicklung, Waldbesitzer:innen, Methodik und Software. Pina Earth war stark in Vertrieb, Käuferzugang und Vermarktung. Beide Organisationen waren klein, arbeiteten an ähnlichen Problemen und brauchten mehr Schlagkraft. Der Zusammenschluss ergab strategisch Sinn.
Auf dem Papier ist strategischer Sinn allerdings leichter als in der organisatorischen Realität. Nach dem Zusammenschluss wurden unterschiedliche Vorstellungen über Strategie, Führung, Geschwindigkeit und zukünftige Ausrichtung sichtbarer. Dazu kamen die persönlichen und organisatorischen Belastungen, die solche Phasen mit sich bringen.
Unter finanziellem Druck und in einem Markt, in dem eine zunehmende Klimakrisenmüdigkeit spürbar wurde, traten die Differenzen deutlicher hervor. Meine Vorstellung davon, was dieses Unternehmen sein sollte, entfernte sich zunehmend von der Richtung im neuen Setup. Irgendwann geht es dann nicht mehr darum, wer recht hat, sondern ob man noch der richtige Mensch für die Rolle ist, die das Unternehmen jetzt braucht.
Die weiterhin finanzierenden Investor:innen stellten sich hinter den Kurs des neuen Teams. Damit war für mich klar, dass die zukünftige Ausrichtung eine andere sein würde als jene, die ich vertreten hätte. Dann muss man auch die Konsequenz ziehen.
Abschied
Ich gehe nicht mit dem Gefühl, gescheitert zu sein. Ich sehe ein abgeschlossenes Kapitel, in dem wir gemeinsam viel bewegt haben: Wald-Klimaschutzprojekte entwickelt, Standards mitgestaltet, ein Netzwerk aus Waldbesitzer:innen, Unternehmen, Wissenschaft, Verifizierungspartnern und Investor:innen aufgebaut und einen Beitrag zur Entwicklung des europäischen Wald-Kohlenstoffmarktes geleistet.
Vor allem sind durch diese Arbeit rund zehn Millionen Euro in europäische Wälder geflossen. Das bleibt, und darauf bin ich stolz.
Ich habe in diesen fünf Jahren unglaublich viel gelernt: über Wald und Impact, über Standards und Kapital, über Märkte, die noch nicht fertig sind, über die Grenze zwischen Idealismus und Geschäft und natürlich auch über mich selbst.
Es gibt einiges, das ich heute anders machen würde. Manche Entscheidungen hätte ich früher treffen, manche Gespräche klarer führen und manche Konflikte nicht so lange für lösbar halten sollen. Trotzdem bin ich dankbar für dieses Kapitel und vor allem für die Menschen darin: für das Team, für die Waldbesitzer:innen, die uns vertraut haben, für Käufer:innen, die sich auf ein junges Thema eingelassen haben, für Investor:innen und Fördergeber, die Risiko mitgetragen haben, und für alle Berater:innen, Kritiker:innen und Partner:innen, die uns geholfen haben, besser zu werden.
Was bleibt
Was bleibt, ist meine Überzeugung, dass Unternehmertum eines der wirksamsten Werkzeuge ist, die ich kenne. Das passiert nicht automatisch und sicher nicht, wenn „Impact“ nur im Pitch-Deck stattfindet. Aber wenn Technologie, Markt, Kapital und Verantwortung gut zusammenspielen, lassen sich Dinge verändern, die sonst schlicht nicht passiert wären. Genau das haben wir mit Tree.ly geschafft, auch wenn nicht alles aufgegangen ist.
Ich nehme aus diesen Jahren deshalb beides mit: die Lust, mit einem Unternehmen Wirkung zu erzeugen, und die Erfahrung, dass man loslassen muss, wenn die eigene Rolle nicht mehr passt. Außerdem hat sich noch einmal bestätigt, dass Technologie allein keine Wirkung erzeugt. Es braucht belastbare Methoden, nachvollziehbare Regeln, Vertrauen und Menschen, die Verantwortung übernehmen. Das galt im Carbon-Markt und gilt für künstliche Intelligenz mindestens genauso.
Was jetzt kommt
Als ich die erste Fassung dieses Textes Anfang Juni geschrieben habe, wusste ich vor allem, dass ich wieder bauen will. Inzwischen ist die Richtung klarer.
AI verändert nicht nur, wie wir Software entwickeln, sondern auch, was Software überhaupt sein kann. Systeme beantworten nicht mehr nur Fragen. Sie können Zusammenhänge erfassen, Werkzeuge benutzen, Entscheidungen vorbereiten und Aufgaben über längere Zeit begleiten.
Seit Dezember fließt ein großer Teil meiner „Brain-Time“ in AI. Ich erlebe jeden Tag, wie mich diese Systeme bei Recherche, Kommunikation, Softwareentwicklung und Organisation unterstützen. Dabei geht es mir nicht darum, mein Denken abzugeben. Eher das Gegenteil: Je handlungsfähiger die Systeme werden, desto wichtiger werden menschliche Urteilskraft und Verantwortung.
Ich bin in diesem Feld wieder als Unternehmer unterwegs. Mein Schwerpunkt ist verantwortungsvolle AI und digitale Souveränität: Systeme, bei denen Unternehmen und Organisationen die Kontrolle über ihre Daten, Modelle und Infrastruktur behalten.
Souveränität bedeutet für mich weder Abschottung noch, dass Europa jedes Modell selbst entwickeln muss. Es geht um Wahlfreiheit: Anbieter austauschen können, wissen, wo Daten verarbeitet werden, und sensible Systeme bei Bedarf in europäischen Rechenzentren oder direkt im eigenen Unternehmen betreiben können.
Ich entwickle dafür Prototypen, agentische Systeme und die Infrastruktur darunter. Besonders interessiert mich, wie kleine leistungsfähige Modelle, offene Technologien und kontrollierbare Plattformen zu produktiven Lösungen werden, ohne dass man sich vollständig von wenigen globalen Anbietern abhängig macht.
Parallel dazu gibt es Here Be Dragons, einen gemeinnützigen Verein für verantwortungsvolle Mensch-Maschine-Zukünfte. Dort schaffen wir einen unabhängigen Raum für Forschung, öffentliche Bildung und Austausch rund um künstliche Intelligenz, autonome Systeme, Datenhoheit und gesellschaftliche Verantwortung.
Mir ist wichtig, diese beiden Ebenen nicht zu vermischen. Als Unternehmer will ich Systeme bauen, die in der Praxis funktionieren. Mit Here Be Dragons wollen wir auch Fragen untersuchen, für die es noch keine klaren Antworten und nicht immer sofort ein Geschäftsmodell gibt.
Das Klimathema wird dadurch nicht unwichtig. Aus Tree.ly nehme ich den Anspruch auf messbare Wirkung mit, den Respekt vor komplexen Systemen und die Erfahrung, dass Technologie nur dann etwas verbessert, wenn Governance und Anreize mitgedacht werden.
Tree.ly und Pina Earth sind für mich damit abgeschlossen. Die Arbeit an verantwortungsvoller AI und digitaler Souveränität hat längst begonnen.